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Hauszeitschrift

Lebensbilder FKH Teil 4

30. Dezember 2024

(„Gleitschirm und Magnolien“ – Auszug aus der Biografie von Ali Akbas)

Mein Name ist Ali Akbas. Geboren bin ich 1971 und seit 2005 wohne ich hier im Frida Kahlo Haus. Durch einen Unfall im Sommer 1986 bin ich querschnittsgelähmt.

Die ersten neun Jahre meines Lebens habe ich in Esençay verbracht. Das Dorf Esençay, das übersetzt so viel bedeutet wie „windiger Bach“, liegt wunderschön in der Provinz Amasya, in der Nähe vom Schwarzen Meer. Es ist total grün und sehr fruchtbar dort am Rand der Berge, die teilweise über tausend Meter hoch sind. Fast alles, was man sich wünscht, wächst dort oben in der mittleren Nord-Türkei. Jeder hatte damals mehr oder weniger Landwirtschaft und Tabak, Gemüse, Sonnenblumen oder Früchte angebaut. In der Natur drumherum findet man überall Bäche, kleine Flüsschen, viele Wälder, rauschende Wasserfälle, tolle Seen und tiefe Schluchten. An Tieren gab es Kühe, Ziegen, Schafe, Hunde, Katzen oder Esel, auf denen wir teilweise sogar geritten sind. (…)

Im Sommer konnte es ziemlich heiß und im Winter extrem kalt werden. Oft hatten wir über einen Meter hohen Schnee, was uns aber nicht abgehalten hat, stundenlang Schlitten zu fahren und total verfroren und nass nach Hause zu kommen. Die Oma hat dann natürlich immer geschimpft. Naja, aber zum Glück konnte ich mich dann am Kaminofen, der mit Holz geheizt wurde, so langsam aufwärmen. Im Ort gab es ein Ober- und ein Unterdorf und etwa in der Mitte waren eine Moschee, ein kleiner Supermarkt, verschiedene Backhäuser, die jeder Einwohner nutzen konnte, sowie ein Platz, wo zweimal in der Woche ein Markt stattfand.

In unserem Viertel gab es ganz viele Mitglieder der Familie Akbas und sogar auch eine Akbas-Straße. Noch heute habe ich eine ganze Menge Verwandte dort … Wenn ich auf die weiterführende Schule gegangen wäre, hätte ich täglich mit dem Bus zur Provinzhauptstadt Amasya fahren müssen, die etwa 15 Kilometer weiter talwärts liegt. Aber dazu kam es bei mir nicht. Wie so viele andere Leute aus dem Dorf ist nämlich auch mein Vater nach Deutschland zum Arbeiten gegangen, weil er in der dörflichen Landwirtschaft, wo man für viel Arbeit nur wenig Lohn bekam, keine Zukunft für sich und seine Familie sah. In Esençay wurden damals Flugblätter verteilt und darauf stand, dass man in Deutschland dringend Arbeiter suchen würde! Zuerst ging mein Vater, dann ging meine Mama und nachdem sie sich in Gelsenkirchen eingewöhnt und noch einen Sohn bekommen hatten, holten sie mich nach und schließlich kamen auch meine anderen zwei Geschwister auf die Welt. Ich habe noch zwei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester, mit denen ich mich supergut verstehe. In der Zwischenzeit habe ich bei der Oma oder bei Tanten gelebt. Ich weiß noch, wie ich in den Sommerferien 1980 nach Gelsenkirchen-Ückendorf kam. Ich habe auf die grauen Hochhäuser und die laute zweispurige Straße voller stinkender Autos geschaut und geschimpft: „Ich will wieder zurück nach Esençay!“

Ich bin aber dann doch in Gelsenkirchen geblieben und habe schließlich in einer integrativen türkischen Grundschulklasse die neue Sprache „von null an“ lernen müssen. Mein Vater bekam erst nach fünf Jahren eine feste Stelle. Anfangs wohnte er noch mit anderen in einem Bettenlager in einer Sporthalle, wo man sie jeden Morgen abgeholt hat, damit sie alle möglichen Arbeiten erledigten, die sonst keiner machen wollte. Also oft richtig eklige Drecksmaloche, wo man mit Gasen und Pestiziden in Berührung kam. Zum Glück gab es aber auch noch viele andere türkische Kollegen, mit denen er sich austauschen konnte, die ihm bei der neuen Sprache und der ungewohnten Bürokratie helfen konnten. Oft trafen sie sich in türkischen Kulturvereinshäusern, die seit den 1980er-Jahren zunehmend entstanden sind. Dort konnte man bei Musik, Folklore, Tanz und viel Tee das Heimweh ein bisschen vergessen.

Mein Vater war zwar auch musikalisch, aber für die Saz war er nicht unbedingt begabt. Das war bei mir anders, und ich habe relativ schnell gelernt, mit dem typisch türkischen Saiteninstrument umzugehen. Die hohen Töne sind unten und die dunklen Töne sind oben … Manches habe ich bei einem Bekannten gelernt, aber vieles habe ich mir auch selbst durch genaues Hören beigebracht. (…)

Nebenher lebte ich aber auch noch meine Liebe zu Fußball, Tischtennis und verschiedenen anderen Sportarten aus, und im Sommer bin ich auch gerne im Freibad gewesen. Nach der Schule ging es meistens zuerst auf den Bolzplatz, oft sogar noch vor dem Essen, oder wir sind mit unseren Freunden und dem Ghettoblaster losgezogen, um neue Breakdance-Moves zu üben. Ich war damals eigentlich immer irgendwie in Bewegung und hatte auch schon eine Freundin.

Bis ich dann im Sommer 1986 den Unfall hatte, der mein Leben ziemlich krass verändert hat. Mit unserer Schulklasse waren wir in einer Jugendherberge in Osnabrück. Ganz in der Nähe war ein Baggersee, der ein paar von uns Jungs so verführerisch angelacht hat, dass wir da unbedingt rein wollten. Ich bin dann mit meinem Kopfsprung im flachen Wasser extrem hart gelandet und das war‘s dann mit meiner Beweglichkeit. Ich kam ins Krankenhaus und spürte meine Beine und Hände nicht mehr. Als mir die Ärzte später sagten, dass ich für immer querschnittsgelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen sein würde, war ich so geschockt, dass ich sie volle Kanne beschimpft habe. Ich musste die ganze Scheiße erst so nach und nach verdauen. Zuhause ist mir irgendwann richtig klar geworden, dass ich nie wieder Saz spielen kann. Aus Wut habe ich sie dann total demoliert …

Nach dem Unfall haben mich die Familie, enge Freunde und auch die Schule aber so stark unterstützt, dass ich den Abschluss geschafft habe, um dann sogar die höhere Handelsschule zu besuchen und eine Lehre als Bürokaufmann zu machen. Mit Ende 20 habe ich einen Arbeitsplatz bei der Konditorei Nehge in Gelsenkirchen gefunden, die besonders für ihre Marzipan- und Honigkuchen-Produktion bekannt war. Von 7:30 bis 14:30 Uhr habe ich dort 35 Stunden in der Woche gearbeitet. Mein Vater, der bis zu seiner Rente zur Überbrückung arbeitslos war, hat mich morgens immer mit dem Auto hingefahren und auch später wieder abgeholt. Schon nach einem Monat Probezeit waren die mit mir so zufrieden, dass sie mich gerne weiter beschäftigt haben. Viereinhalb Jahre habe ich eine feste Stelle gehabt und wenn die Firma nicht insolvent geworden wäre, hätte ich bestimmt auch noch eine Verlängerung bekommen. Das Ganze wurde übrigens auch vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Modellprojekt gefördert, weshalb mein Lohn anteilsweise vom Arbeitsamt übernommen wurde. (…)

Im Jahr 2004 mussten wir dann eine Entscheidung treffen. Meine Mutter hatte einen Bandscheibenvorfall, mein Vater war auch krank und meine drei Geschwister waren zu dem Zeitpunkt alle schon aus der elterlichen Wohnung raus. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass wir einen Heimplatz für mich suchen mussten. In Gelsenkirchen war allerdings nichts Passendes zu finden, es gab nur Altenheime oder Häuser für geistig Behinderte. Als ich mal wieder wegen irgendeiner Sache im Krankenhaus lag, und zwar in Bochum-Bergmannsheil, hat mir eine Sozialarbeiterin eine Broschüre gezeigt, die vom damaligen Bewohner Hubertus Sievers aus dem Frida Kahlo Haus dort hinterlassen wurde. Sie meinte, das wäre doch vielleicht genau das Richtige für mich. Im Januar 2005 gab es dann ein längeres Gespräch mit dem Haus und im März 2005 war schon ein Platz für mich frei. Zuerst natürlich noch im Doppelzimmer, insgesamt wohl so dreieinhalb Jahre lang.

Auf der Station, wo ich zuerst war, gab es einen türkischen Stationsleiter, mit dem ich mich super verstanden habe. Ich bin sogar länger als nötig im Doppelzimmer geblieben, aber irgendwann möchte man doch mal mehr Ruhe haben und dafür war das Zimmer, das ich jetzt schon seit 2009 bewohne, bestens geeignet. Schön nach hinten raus, ziemlich ruhig mit Blick ins Grüne. Als ich neu in Köln war, habe ich erstmal so nach und nach die mir damals ganz unbekannte Stadt erkundet. Angefangen habe ich mit Weiden und dem Einkaufszentrum, wo man schnell mit der Linie 1 hinkommt, und dann ging es irgendwann auch in den Grüngürtel, in die Altstadt, nach Ehrenfeld oder nach Deutz, Mülheim und Poll an den Rhein. Ich kann mich noch erinnern, wie ich beim ersten Mal am Flussufer mit dem Rolli im Sand stecken geblieben bin. Da kam ich nur mit fremder Hilfe wieder raus. Über die Jahre lernte ich dann meine neue Heimatstadt immer besser kennen. Als alter Gelsenkirchener habe ich aber trotzdem meinem Herzensverein Schalke 04 immer die Treue gehalten, wie man bei mir im Zimmer ganz deutlich sehen kann!

Als großer Bob Marley-Fan bin ich natürlich irgendwann auch auf dem Summer Jam am Fühlinger See in Köln gelandet. Es ist das größte Reggae-Festival in ganz Europa und findet jedes Jahr an drei Tagen im Juli statt. Ich glaube, dass ich dort schon seit 2011 regelmäßig mit am Start bin, wenn nicht gerade Corona oder ein Krankenhausaufenthalt das verhindert. Ist zwar ein bisschen umständlich mit der Fahrerei, zuerst die Linie 1, dann umsteigen in die 12 oder 15 und dann noch ‘ne Strecke mit dem Bus … und spätabends dann das gleiche Spiel wieder zurück … Aber egal, ich freue mich jedes Jahr auf dieses Musik-Festival, und ich habe in der Reggae-Szene auch schon so einige Freunde gefunden. Weil viele auf dem Gelände am See ihre Zelte aufbauen, dort reichlich gegessen, getrunken, geraucht und gechillt wird, hat das Ganze auch eine superentspannte Urlaubsatmosphäre. Interessanterweise gibt’s da wiederum auch viele Querverbindungen zur Techno-Szene. (…)

Mit dem Gleitschirm zu fliegen war ein absolut unvergessliches Erlebnis. Ich weiß noch, wie wir 2019 im Familienkreis in Alanya am Mittelmeer Urlaub machten, die Kinder von meiner Schwester waren auch dabei. Eines Tages saß ich am Strand und beobachtete fasziniert die Gleitschirme, mit denen man dort fliegen konnte. „Dat mach’ ich auch!“ war das Erste, was mir durch den Kopf ging. Und mit Hilfe meines supersportlichen Bruders, der auch schon Paragliding-Erfahrung am Berg hatte, haben wir meine spontane Idee zum Glück auch umsetzen können. Die Jungs vom Motorboot haben uns am Anfang eine kleine Einführung gegeben, wie man sich verhalten sollte, dann sind sie ein Stück rausgefahren, haben uns gezogen und dabei die Verbindungsleine immer weiter aufgerollt, sodass wir irgendwann wohl 40 bis 50 Meter hoch über dem Mittelmeer geschwebt sind. Was für ein geiles Gefühl! (…)

Ich liebe die Natur und ich liebe meine Familie. Besonders cool ist es, wenn man beides miteinander verbinden kann, wie auf den Fotos zum Beispiel bei einem Ausflug zum Adenauer Weiher in Köln. Ich nehme mal an, dass mein anderer Bruder dieses Foto gemacht hat, sonst wäre der sicher auch auf dem Bild zu sehen. Immer wenn wir zusammen mit der Family was unternehmen, egal, ob das nun ein gemeinsamer Urlaub in der Türkei, in Sardinien oder auch nur ein kleiner Ausflug in der Nähe vom Frida Kahlo Haus ist, geht mir das Herz auf. (…)

Einer meiner Lieblingsorte beim Frida Kahlo Haus ist der Platz auf dem Hof am Magnolienbaum. Vor allem, wenn er im März/April so wunderbar blüht. Leider haben diese schönen Blüten nur ein kurzes Leben. Ein kurzes Leben hatten leider auch zahlreiche Bewohner, die ich hier seit 2005 kennengelernt habe. Viele sind traurigerweise inzwischen gestorben und auch ich bin dem Tod schon ein paarmal nur ganz knapp von der Schippe gesprungen. Das Problem bei mir ist ja, dass ich als Querschnittsgelähmter einen großen Teil meines Körpers überhaupt nicht mehr spüre. So kann ich natürlich auch keine Warnsignale empfangen und handele mir alle möglichen Krankheiten und Infekte ein, ohne es direkt zu merken. (…)

Naja, was soll ich sagen … Hoffen wir mal, dass weiterhin alles gutgeht! Der Winter ist für mich immer die härteste Zeit, weil man bei dem Mistwetter und der Dunkelheit kaum raus kann. Damit mir die Decke dann im Zimmer nicht auf den Kopf fällt, schaue ich mir viele Serien oder YouTube-Videos an. Am liebsten gucke ich Reise-Dokus, vor allem aus der Türkei. Auf die Weise habe ich schon fast alle Regionen aus meinem alten Heimatland kennengelernt. Aber sobald die Magnolien vor dem Haus blühen, weiß ich, dass die Tage deutlich länger werden und ich endlich auch wieder mehr draußen unternehmen kann.

Der vollständige Beitrag – und noch weitere lesenswerte Biografien der Bewohnerinnen und Bewohner – im Band „Lebensbilder“ aus dem Frida Kahlo Haus. Das Buch ist – gegen eine Spende in beliebiger Höhe für eine Rollstuhl-Rikscha – erhältlich unter klemm@clarenbachwerk.de bzw. Tel. 0221-4985-220.