Portrait Barbara Bölling-Müller

Die schwer an Multipler Sklerose erkrankte ehemalige Bewohnerin des Frida Kahlo Hauses kämpfte sich ins Leben zurück – und hilft heute anderen

Ein Neuanfang mitten im Leben

Ein Sturz mit dem Fahrrad, ein Schlaganfall, eine unerwartete Diagnose, ein Unfall beim Surfen – es gibt Ereignisse, die das Leben eines Menschen grundlegend verändern, insbesondere, wenn sie Behinderung und Pflegebedürftigkeit nach sich ziehen. Junge Menschen trifft dies in einer Lebensphase, in der sie ihre Zukunft gestalten, Wünsche und Ziele verwirklichen wollen.

 

Körperlich und psychisch sind sie oft erstmal nicht in der Lage, die neue, schwierige Situation zu bewältigen. Häufig ist das Umfeld auch nicht auf Pflegebedürftigkeit ausgerichtet, so dass die Suche nach einer neuen Lebensumgebung beginnt.

 

Aus diesem Grund ist das Frida Kahlo Haus, eine stationäre Einrichtung des Clarenbachwerk Köln, vor 20 Jahren angetreten, pflegebedürftigen Menschen zwischen 20 und 50 Jahren ein Zuhause zu bieten, das ihren Wünschen und Bedürfnissen gerecht wird. Bislang waren diese meist in Senioreneinrichtungen untergebracht worden. Dort empfanden sie sich aber häufig als Außenseiter und vermissten ein altersgerechtes Programm.

 

So eröffnete im Frühjahr 1993 der damalige Sozialminister Franz Müntefering das Frida Kahlo Haus als Modellprojekt. Namensgeberin war die mexikanische Malerin, die selbst durch Unfall und Krankheit körperlich stark beeinträchtigt war und dies in ihrem künstlerischen Werk ausdrückte. Zehn Bewohner bezogen zunächst den Neubau – mittlerweile bietet die Einrichtung 91 Plätze an. „Es war für uns alle Neuland, und ich war unglaublich stolz, hier arbeiten zu dürfen“, erinnert sich Jürgen Sjongers, ein Mitarbeiter der ersten Stunde.

 

Der Kontakt zu den Pflegepersonen ist eng, steht man sich schon altersmäßig viel näher. „Die Pflege ist wichtig – aber noch wichtiger ist, dass wir da sind, wenn es jemandem schlecht geht und mit ihm Lösungen erarbeiten. Oder einfach sagen: schau mal, was du trotz der schlechten Prognose noch kannst“, sagt Pfleger Volker Höschel, der ebenfalls seit dem ersten Tag im Frida Kahlo Haus arbeitet. Oft sind es kleine, ganz unterschiedliche Schritte, die zählen: Ein Stäbchen mit Erdbeergeschmack, um die Sinne anzusprechen. Wieder schlucken lernen oder alleine zu essen. Sich im Bewohnerbeirat zu engagieren, mit dem Elektrorollstuhl ins Grüne zu fahren, Freunde und Bekannte außerhalb zu treffen.

 

Die medizinische, pflegerische und psychologische Betreuung richtet sich daher sehr individuell nach dem jeweiligen Menschen, seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen. Physio-, Ergo- und Logotherapie sind vor Ort. Davon profitiert hat auch Barbara Bölling-Müller, die 1993 mit der Diagnose Multiple Sklerose und fast unbeweglich ins Frida Kahlo Haus einzog. Sie ist eine derjenigen, die einen sehr positiven Krankheitsverlauf erlebten. Dank ihres eisernen Willens und täglichem, betreuten Trainings konnte sie vor mittlerweile wieder eigenständig in eine Wohnung ziehen, wo sie weitgehend alleine zurecht kommt. „Der Mensch neigt nun mal dazu, sich fallenzulassen. Zu kämpfen gelernt, das habe ich erst im Frida Kahlo Haus.“

 

Aber auch wenn die körperlichen Möglichkeiten deutlich eingeschränkter sind, wie bei Norbert Pukall, der seit einem Surfunfall querschnittgelähmt ist, kommt es auf die eigene Motivation an, die stark gefördert wird. „Auch wenn keiner drängt, hier ist ständig was los: die Gruppentreffen, Kino, Feste. Und als ich eine bestimmte Oper sehen wollte, hat die Leiterin spontan gesagt: da fahre ich mit Ihnen hin!“ erzählt Pukall. So erhalten die Bewohner die nötige Hilfestellung, aber auch Privatsphäre und Freiraum, eigene Interessen zu verwirklichen.

 

Ein Team von Sportlehrern, Musik- und Kunsttherapeuten, Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen sorgt für ein vielfältiges Freizeitangebot. „Es sind junge Leute, deshalb sind wir Neuem gegenüber immer offen. Viele Dinge sind möglich, wenn man erst einmal fragt: Warum eigentlich nicht?“ sagt Einrichtungsleiterin Tamara Jost. Ob Rock- oder Klassik-Konzert, Ausflug ins Stadion oder an den Niederrhein, Kunstforum mit Ausstellungsmöglichkeit, Tischtennis oder Lesezirkel – die Aktivitäten sorgen für eine klare Tagesstruktur und zwischenmenschliche Kontakte. So dass sich auch schon mal ein Paar gefunden hat, das schließlich heiratete und nun zusammen zwei Zimmer bewohnt.

 

Was sich die Einrichtungsleiterin für die Zukunft wünscht? Dass es so weiter geht, so lebendig und offen. Stolz ist sie auf die Note 1,0 des medizinischen Dienstes. Das einzige, was fehlt: „Wir haben noch Kapazitäten beim Ehrenamt frei. Wir könnten noch Menschen brauchen zum Spazierengehen, Eis essen, Vorlesen für unsere Bewohner. Menschen, die sagen: wir lesen jetzt mal das ganze Buch.“

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