Kriegstraumata bei alten Menschen

Eine WDR-Dokumentation über Kriegstraumata, die im Alter wieder aufbrechen, portraitierte u. a. Bewohner und Pflegekräfte im Altenzentrum Deckstein

 

Jede Nacht aufs Neue packt das alte Ehepaar seine Koffer und begibt sich auf die Flucht über den Flur. Erst im Aufenthaltsraum kommen sie wieder zur Ruhe. Trotz sommerlicher Temperaturen trägt die alte Dame beharrlich Mütze, Mantel und mehrere Schichten Kleidung. Bei jeder Mahlzeit hortet sie Brotscheiben und Bananen unter ihrem Pullover. Der alte Herr hat panische Angst vor Blitz und Donner, kann nur bei Licht schlafen und will sein Kofferradio gegen Zigaretten tauschen.

 

Altenzentrum Deckstein Kriegstraumata bei alten Menschen im ClarenbachwerkSolche Phänomene machen Pflegende in Senioreneinrichtungen und Familien oft ratlos. Bei weitem nicht alle Betroffenen sind dement. Viele wissen um ihr seltsam anmutendes Verhalten und können doch nichts dagegen tun: Die Angst etwa, hungern oder frieren zu müssen, ist einfach zu übermächtig. Sie sind ihren im Alter wieder auftauchenden Kriegserinnerungen hilflos ausgeliefert. 60 bis 70 Prozent unserer Bewohnerinnen und Bewohner gehören den Jahrgängen 1920 bis 1935 an. Sie haben also den Krieg als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene bewusst erlebt“, erzählt Pflegedienstleiterin Ludmilla Faßbender vom Altenzentrum Deckstein in Köln. „Einige haben ihre Erfahrungen gut verarbeitet, manche haben sie nur verborgen.“ Von diesen späten Folgen des zweiten Weltkriegs handelt auch der Dokumentarfilm „Wir Kriegskinder“, der im Mai in ARD und WDR ausgestrahlt wird und teilweise im Altenzentrum Deckstein gedreht wurde.

 

Ein Drittel der deutschen Rentner wurde im Krieg schwer traumatisiert. Bilder, Gefühle oder Erfahrungen haben sie Jahrzehnte lang verdrängt, für Vergangenheitsbewältigung war kein Platz – bedingt durch den Wiederaufbau, aber auch durch Scham und Schuldgefühle. Im Alter bricht sich das Trauma oft wieder Bahn: ausgelöst durch Alltagserfahrungen wie Gerüche, Geräusche, Berührungen, durch verunsichernde Lebensveränderungen oder auch eine beginnende Demenz. Das stellt Pflegende vor große Herausforderungen: „Gerade Angehörige wissen ungewöhnliche Verhaltensweisen oft nicht einzuordnen, denn in den Familien wurde vieles verschwiegen“, berichtet Faßbender.

 

„Eine unserer Bewohnerinnen hat bei der Intimpflege immer ´Nicht schon wieder! Nicht schon wieder!´geschrien. Ich denke, sie ist im Krieg vergewaltigt worden”, erzählt Petra Runge, Pflegerin im Altenzentrum Deckstein. „Ein anderer Bewohner schreit und schlägt sich ständig selbst – bei ihm kommt seine Vergangenheit als Soldat wieder hoch.“ Nicht verarbeitete Schuldgefühle können sich in Gewalt gegen sich selbst, andere Menschen oder Dinge äußern. Dagegen träumt eine jüdische Bewohnerin jede Nacht wieder von den Männern, die sie einst „mitgenommen“ haben. Sie war im Konzentrationslager und reagiert panisch beim Anblick von Duschen. „Da ist unsere Biografiearbeit mit Bewohnern oder Angehörigen sehr hilfreich“, sagt Ludmilla Faßbender. „Bestimmte Reaktionen können wir so leichter einordnen.“

 

Manchmal helfen schon kleine Veränderungen: Etwa, dass eine Bewohnerin nur von weiblichen Pflegekräften betreut wird oder eine zweite Person bei der Körperpflege beruhigend einwirkt. In anderen Fällen sind behutsame Gespräche nötig oder auch von den Krankenkassen bezahlte therapeutische Hilfe. „Man muss die Bewohner begleiten, wenn man diese Themen berührt“, so Farahnaz Hassirchian, ebenfalls Pflegerin in einer Einrichtung des Clarenbachwerk Köln. Dabei fördere die Bezugspflege, bei der kleine Gruppen von Senioren jeweils feste Bezugspersonen haben, das Vertrauen. „Ich begegne ihnen offen und vorurteilsfrei. Ruhig zuzuhören reicht bei vielen Menschen schon aus. Man muss nicht alles lösen.“

 

Pflegedienstleiterin Faßbender pflichtet ihr bei: „Es wäre ganz fatal, wenn wir bohren würden. Die Kunst ist, herauszufinden, wann welche Zuwendung gebraucht wird: nur die Hand halten, Hilfe holen, eine Gesprächstherapie oder sogar ein Klinikaufenthalt. Wichtig ist für Menschen, die pflegen, immer im Hinterkopf zu behalten: Es muss nicht, aber es könnte ein Kriegstrauma sein. Einfach wachsam bleiben und frühzeitig reagieren.“

 

Davon profitieren nicht nur die „Kriegskinder“, sondern auch die so genannten „Kriegsenkel“. Wissenschaftliche Studien belegen nämlich, dass auch bei der nachfolgenden Generation psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen auftreten können, wo Kriegstraumata das Familienleben unterschwellig prägten. Dass ihre Eltern im Alter nicht einfach „verrückt“ oder grundlos aggressiv sind, ist für viele Angehörige daher auch eine Entlastung. Und bietet die Möglichkeit, sich mit eigenen Erfahrungen auseinanderzusetzen.

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