Ferien zuhause – geht das überhaupt

Ferien zuhause – geht das überhaupt
Ferien in Köln, also dort, wo man auch im Alltag lebt, geht das eigentlich? Kommt da überhaupt eine entspannte Ferienstimmung auf, ein widerstandsloses durch den Tag gleiten? Das wollte ich wissen und beschloss, für gut zwei Wochen in Köln Urlaub zu machen. Von dem – schon einige Jahre zurückliegenden – Experiment will ich hier berichten. Womöglich ist ein solcher Naherholungsurlaub sogar ein Modell für die Zukunft, weil schon jetzt viele Ziele überfüllt sind und deshalb wenig attraktiv: Wer dahin reist, wohin alle anderen auch hinreisen, wird enttäuscht feststellen, dass alle anderen auch da sind. Viele Einheimische wehren sich inzwischen gegen den overtourism und wollen nicht, dass aus ihrem Lebensraum eine Kulisse oder ein begehbares Museum wird. Hans-Magnus Enzensberger sagte schon vor gut 40 Jahren: Der Tourismus zerstört, indem er findet, was er gesucht hat. Auch deshalb ist es ratsam, auf weniger attraktive Ziele auszuweichen. Oder auch mal ganz zuhause zu bleiben!
So traf es sich gut, dass Freunde für ihr winziges Häuschen samt großem Garten jemanden suchten, der die Blumen gießt, vor allem die Tomatenstauden pflegt und reifes Gemüse erntet. Das Pärchen störte auch nicht, dass sie wussten, dass ich nicht über einen „grünen Daumen“ verfüge. Den versuchten die beiden mit einer ungezählten Anzahl an Betriebsanleitungen für alle Arten von Blumen und Gemüse zu substituieren (zu den Erfolgen unten mehr). Mich interessierte das Häuschen am Stüttgenweg vor allem, weil ich den Urlaub zuhause nicht in meiner Wohnung verbringen wollte. Ich stellte es mir schwierig vor, ohne Umgebungswechsel in echte Urlaubsstimmung zu kommen. Eigentlich fällt es mir schon schwer, in Deutschland Urlaub zu machen: ich mag es, wenn um mich herum keine kölschen, deutschen Töne zu hören sind, wenn ich nicht direkt verstehe, was am Nachbartisch gesprochen wird.
Ich brauche einfach das Gefühl der Fremde, damit sich die berühmten, erholsamen Urlaubsgefühle einstellen. Deshalb liebe ich Hotels, die immer auch Fremdheit symbolisieren, eine Umgebung, die man selbst nicht gestaltet hat. O.k., es gibt auch Menschen, die schreckt gerade die Anonymität und das Unpersönliche an Hotels ab. Für mich aber gilt: Wer die Fremde nicht leiden kann, kann gleich zuhause bleiben. Deshalb war mein Bestreben, aus dem Zuhause wieder etwas Fremdes zu machen, Köln aus der Gewohnheit herauszuholen. Unter anderem deshalb macht man im Urlaub gerne Fotos, weil alles neu und ungewohnt, besonders erscheint. Wohingegen man zuhause die Umgebung nur „benutzt“. Entsprechend ist die Sinneswahrnehmung eher auf das Erkennen und „Lesen“ der Dinge, die einen umgeben, beschränkt. Das Verlockende im Urlaub ist, dass man wieder mit offenen Sinnen unterwegs ist, ohne Ziel vor Augen begierig neue Eindrücke und interessante Details beachtet.
Deshalb nahm ich das Angebot des „Gartensittings“ sofort an und beschloss, mit einer Reisetasche in das Häuschen umzuziehen und während der zwei Wochen meine Wohnung zu meiden. Wie gesagt diente das dazu, ein Gefühl der Fremdheit zu erzeugen, aus Köln eine „unbekannte“ Umgebung zu machen. Zum Urlaub gehört, dem eigenen Leben ein bisschen zu entrinnen, zu schauen, ob man in einer anderen Umgebung nicht ein ganz anderes Leben haben kann. Was wäre, wenn wir nicht so wären, wie wir sind? Sind wir überhaupt, was wir sind – oder sind wir nicht auch, was wir sein könnten? Wie sagte das der Philosoph Hans Jonas: „Von dem Umstand, dass die Natur des Menschen weit mehr Möglichkeit ist als gegebenes Faktum, hängt unser einfühlendes Verstehen anderer Seelen ab.“
Mit meiner Reisetasche radelte ich zum Häuschen am Stüttgenweg – sozusagen mein Bed and Breakfast, das unweit einer Haltestelle der KVB im Stadtwald lag und war vor allem gespannt, ob sich im Verlauf der kommenden Tage ein Urlaubsgefühl einstellen würde. Das Häuschen war hinreichend anders eingerichtet, sodass ich mich nicht zuhause fühlen musste. Ich platzierte meinen Wecker neben das Bett, legte im Wohnzimmer ein paar Bücher aus, das sollte an Heimatlichkeit reichen. Und ich amüsierte mich über die detaillierten Anweisungen zur Gießhäufigkeit und Gartenpflege.
Am anderen Morgen startete ich mit einem ersten Ausflug in die Stadt und kaufte mir einen englischen Reiseführer über Köln. Schließlich wollte ich nicht das Köln der Kölner kennenlernen, sondern das Köln der Touristen. Dank Kamera und gut sichtbarem, englischen Reiseführer sah ich tatsächlich wie ein Tourist aus. Ein bisschen sorgte mich, mir könnten Freunde oder Bekannte begegnen, die mein Aussehen sicherlich befremdlich gefunden hätten. Den ersten Tag verbrachte ich überwiegend in Buchhandlungen und in Cafés. Was empfahl der Marco Polo Cologne den englischen Touristen? Natürlich den Dom, die romanischen Kirchen, dann die vielen römischen „Reste“, die Altstadt, einen Halven Hahn im Päffgen, weitere Brauhäuser und den kölschen Köbes, einige Brunnen, das Tünnes-und-Schäl-Denkmal, das Museum Ludwig, das Wallraf-Richartz-Museum, das Schokoladenmuseum, den Karneval, Printen Schmitz, das Hänneschen-Theater, das Kolumba, Ehrenfeld als Designquartier, den Zoo und das Wildgehege im Lindenthaler Stadtwald, den Friedhof Melaten, die Weidengasse. Die meisten Attraktionen befanden sich in der Altstadt, jedenfalls in einer Gegend, die ich sonst eher mied. Selbst den Dom, aufgrund seiner hässlichen Lage von einigen Kölnern gerne als Bahnhofskapelle verunglimpft, besuchte ich höchstens, wenn Freunde aus entfernten Gegenden zu Gast waren.
Viel konnte ich mit den Vorschlägen nicht anfangen, auf dem Weg zurück in mein Urlaubsdomizil streifte ich noch über die Weidengasse und war tatsächlich überrascht, wie viele Marienmadonnen es an den Hauswänden dort gab. Darauf hatte ich ohne den englischen Reiseführer noch nicht geachtet. Ansonsten waren die Einkäufe in zwei der vielen überaus empfehlenswerten, kölnischen Buchhandlungen das beste des ersten Tages. Lesen gehört für mich unbedingt zum Urlaub dazu, sind die „wahren Abenteuer doch im Kopf, und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“ (André Heller).
Und getreu diesem Motto zog ich mich in den nächsten drei Tagen fast komplett ins Haus und den schönen Garten zurück, um Moby Dick zu lesen. Ich hatte nicht geahnt, wie kurzweilig und hochunterhaltsam das Buch von Herman Melville ist. Mit seiner Mischung aus Essay, Reisebeschreibung und spannender Erzählung ist es ideal für einen Urlaub und ist in meiner Erinnerung das Ereignis dieses Urlaubs auf Balkonien geworden. Allerdings ist Moby Dick auch das Buch der unstillbaren Sehnsucht nach dem Meer und insofern war es, der ich sowieso schon mit dem Plan, Urlaub zuhause zu machen, haderte, sozusagen Wasser auf meine Mühlen. Für den Blick aufs Meer hätte ich Köln gerne „hergegeben“…
Ich möchte nicht mit der Aufzählung der Tagesaktivitäten langweilen, die ich in den folgenden Tagen unternommen habe, die meisten waren auch nur ein etwas angestrengter Versuch, die viele freie Zeit zu fristen. Erwähnens- wie erinnerungswert waren noch am ehesten die Besuche in den Museen Wallraf-Richartz, Ludwig und Kolumba. Köln hat wirklich beeindruckende Museen und es lohnt sich immer mal wieder, sich Zeit für diese zu nehmen. Beeindruckt hat mich auch eine Außenführung im Dom. Die muss man normalerweise weit im voraus buchen, ich hatte aber Glück, dass ich mich spontan einer Gruppe anschließen konnte. Schon die Fahrt mit dem leicht wackeligen Außenaufzug an der Bahnhofslängsseite ist ein Erlebnis, noch mehr die Führung um das Hauptschiff herum und anschließend in die Werkstätten und in die Türme des Doms. Da uns damals ein Steinmetz geführt hat, erfährt man allerhand zur langen Historie der gotischen Kirche und auch genügend abseitige und skurrile Geschichten. Die Aussicht über Köln ist ebenfalls erwähnenswert und wer wie ich etwas Höhenangst hat: die war für ein knappes Jahr stark gemindert.
DomMuseumBrueckeAnsonsten streifte ich noch hin und wieder durch mir weniger bekannte Stadtteile und landete dabei meistens schon nach kurzer Zeit in einem Café. Da ich als Student häufig umgezogen bin, sind mir sehr viele Stadtteile Kölns vertraut und es gab nur mehr rechtsrheinisch neues zu entdecken. Dabei waren mir die Bücher von Jürgen Becker, einem Kölner Schriftsteller (nicht zu verwechseln mit dem Kabarettisten), sehr hilfreich, in dessen Büchern die Landschaft eine besondere Rolle spielt, gerade die rechtsrheinischen Randbezirke mit dünner werdender Bebauung. Dabei mischen sich schon in seinen frühen Büchern Felder, Ränder, Umgebungen Landschaftsbetrachtungen mit der Beschreibung von Geschichtsspuren und persönlichen, sozusagen randständigen Reflexionen. Auch andere schöne Buchtitel des inzwischen über 80-jährigen Autors zeugen davon, dass Becker immer von der oberbergischen bzw. niederrheinischen Landschaft ausgeht: Das Ende der Landschaftsmalerei, Erzählen bis Ostende, Odenthals Küste, Dorfrand mit Tankstelle, Aus der Kölner Bucht, Jetzt die Gegend damals. Seit 2017 gibt es den schmalen, sehr schönen Band Lokalseiten, welcher eine Reihe von Beckers Texten über Köln versammelt.
Hört sich etwas buchlastig bzw. langweilig an, als seien die Romane und Erzählungen von Melville und Becker das spannendste im „Urlaub“ gewesen. Ja, so kann man das sagen. Eigentlich war mir nach der ersten Woche klar, dass ich, obwohl ich gerne in Köln lebe, hier niemals Urlaub machen würde. Dazu ist die Stadt zu hässlich und entsprechend gering ist der Erholungswert beim „Flanieren“, Spazieren und Herumschauen. Gerade die Innenstadt ist wenig einladend, und die paar Highlights kann man womöglich an einem Tag problemlos ablaufen. Sicherlich, wer ein besonderes Interesse an romanischen Kirchen hat, wer sich für die römische Geschichte interessiert, wer sich für 1950er-Jahre Architektur interessiert, der mag in Köln auch länger als Tourist glücklich werden. Ich aber bemühte mich vergeblich, in eine Art von Urlaubsstimmung zu kommen. Und so empfand ich vor allem die Langeweile dieser Tage als das wahre Abenteuer, das Konfrontiertsein mit sich selbst ohne viel Ablenkungen. Und wie gesagt ist mir von dem Urlaub geblieben, dass ich mit vielen neuen Büchern von Jürgen Becker und Herman Melville in meine Wohnung zurückkehrte.
Ach ja, ich habe noch vergessen, von der Gartenpflege zu berichten. Die hatte ich während der zwei Wochen nicht sehr ernst genommen, dafür war es einfach viel zu viel. So fanden die Freunde in ihrem Garten riesengroße Zucchini vor, zum Teil aufgeplatzt. Die Broccoli wenigstens hatte ich geerntet, es waren allerdings so viele, dass ich sie nicht essen mochte. Stattdessen zeigten sie hübsch gelbliche Blüten oder Triebe, da sie weit über die Zeit waren. So schmückte ich den Küchentisch mit blühendem Broccoli – die Begeisterung der Heimkehrenden hielt sich erstaunlicherweise in Grenzen…

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