Bundestagskandidaten über den Pflegenotstand

CBWK Pflegediskussion Podium web„Was werden Sie für uns tun?“ – am 18.9. stellten sich Politikerinnen und Politiker von CDU, SPD, Grünen, FDP und Linke aus dem Wahlkreis Köln II den Fragen von Pflegebedürftigen, Angehörigen und Pflegekräften im Frida Kahlo Haus

 

Eigentlich wollte das Clarenbachwerk, einer der größten Träger stationärer Senioren- und Behindertenhilfe in Köln, nur seinen Teil dazu tun, die Pflege bei den Bundestagskandidatinnen und -kandidaten des Wahlkreises auf die Agenda zu heben. Denn bei den politischen TV-Diskussionen kamen sie zunächst wenig bis gar nicht vor: Die Anliegen von Pflegekräften, Menschen mit Behinderung, pflegenden Angehörigen oder Themen wie Armut im Alter und bei Krankheit. 

 

Auf den letzten Metern des Wahlkampfs rückte der Pflegenotstand dann aber doch noch in den medialen Mittelpunkt: Mehrfach hatten Pflegekräfte, Leiter von Einrichtungen oder Pflegediensten gegenüber der Bundeskanzlerin und ihrem Herausforderer kritisiert, es fehle an Zeit und Personal für eine angemessene Betreuung. Pflegekräfte der Berliner Charité demonstrierten. Plötzlich sprach Angela Merkel von „Fragen, die über die Menschlichkeit unserer Gesellschaft entscheiden“, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz kündigte einen „Kurswechsel in der Pflegepolitik“ an.

 

CBWK Pflegediskussion Publikum webDa kam die Pflege-Diskussion am 18.9. im Frida Kahlo Haus gerade richtig. Hier stellten sich Elfi Scho-Antwerpes (SPD), Martin Erkelenz (CDU – in Vertretung von Heribert Hirte), Sven Lehmann (Grüne), Annette Wittmütz-Heublein (FDP) und Beate Hane-Knoll (Linke) zwei Stunden lang den Fragen von Pflegebedürftigen, Angehörigen und Pflegekräften. 

 

Der Personalmangel kam auch als erstes Thema zur Sprache: Die Geschäftsführerin des Clarenbachwerks, Doris Röhlich-Spitzer, berichtete von den Schwierigkeiten vieler Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser, qualifizierte Pflegekräfte, aber auch Hilfskräfte für Pflege, Hauswirtschaft oder Reinigung zu finden. Die unbesetzten Stellen führten neben dem ohnehin beanspruchenden Beruf zusätzlich zu Arbeitsüberlastung, Mitarbeitende würden häufiger krank. Ein ausreichender Stellenschlüssel und mehr Personal wären daher notwendig. 

 

Geschäftsführer Hans-Peter Nebelin ergänzte, dass die vielfach geforderte Anerkennung für das Berufsbild sich nicht nur in warmen Worten, sondern auch in einer besseren Vergütung niederschlagen müsste, um ausreichend Menschen für den Beruf zu gewinnen. Der Auszubildende Marcel Böhme befürchtete, dass sich junge Menschen in der neuen, einheitlichen Pflegeausbildung gegen eine Spezialisierung in Altenpflege entscheiden könnten – aufgrund des schlechten Images.

 

CBWK Pflegediskussion PolitikThomas Hanrath, Altenpfleger und Praxisanleiter, bemängelte, dass auch für die praktische Einweisung und Unterstützung der Auszubildenden keine zusätzlichen Kapazitäten vorhanden wären, dies weder beim Pflegesatz noch beim Stellenschlüssel berücksichtigt würde. Auch der langjährige Ehrenamtler Werner Reifferscheid erkundigte sich, wie die Parteien das Personal entlasten und das Ehrenamt fördern wollten, ohne damit öffentliche Aufgaben oder reguläre Arbeitsplätze zu ersetzen.

 

Dass da mehr Geld und mehr Personal her müsse, war denn auch schnell Konsens. Allein die Art der Finanzierung blieb strittig: Während SPD und Grünen eine solidarische Bürgerversicherung favorisierten, lehnten CDU und FDP diese ab, da eine solche durch weitere Einzahler „neue Ansprüche“ und eine Verschlechterung für alle nach sich ziehen würde. Zur Ehrlichkeit dazugehören würden laut CDU gegebenenfalls Steuererhöhungen, die FDP setzte auf Wahlfreiheit und Wettbewerb im Gesundheitssystem. Die Linken wiederum befürworteten eine Pflegevollversicherung, in die alle einzahlen sollten.

 

Diese Debatte beendete kurzerhand die 95-jährige Bewohnerin Ruth Steffenhagen, in dem sie die Politikerinnen und Politiker zur Räson rief: Sie sollten sich doch endlich auf eine gemeinsame Lösung verständigen, statt sich immer nur in Positionsstreitigkeiten zu verlieren.

 

Im Anschluss berichtete die langjährige Ehrenamtlerin Karin Imdahl davon, wie froh sie über einen stationären Pflegeplatz für ihre stark demente Mutter war, da sie sich neben einem kranken Ehemann die häusliche Betreuung nicht zugetraut hätte. Der Fokus bei der Versorgung und Förderung läge jedoch meist auf ambulanten Wohn- und Pflegeformen oder teilstationären Angeboten. Manche Erkrankung würde jedoch eine professionelle Pflege erfordern, die familiär oder ambulant nicht zu leisten sei. Gleichzeitig könnten die sozialen Kontakte in der Pflegeeinrichtung auch vor Vereinsamung schützen. Dem konnten sich die Politikerinnen und Politiker nur anschließen.

 

CBWK Pflegediskussion Fragende webArndt Kästner, Bewohner aus dem Frida Kahlo Haus, brachte deutlich die Probleme vieler Menschen mit Behinderung zur Sprache. Es sei unmöglich, von gesellschaftlicher Teilhabe zu reden, wenn man von seinem persönlichen Budget – rund 100 Euro – teilweise bis zu 70 Euro für verordnete, notwendige, aber nicht verschreibungspflichtige Medikamente aufbringen müsste. Da ginge es manchmal um die Wahl „verdauungsfördernde Medikamente oder Kinobesuch“. Diese Umstände, die vielen nicht bewusst waren, empfanden auch die Politikerinnen und Politiker als unhaltbar. Lange Wartezeiten auf Hilfsmittel wie Rollstühle oder bürokratische Hürden, die ein anderer Bewohner etwa beim Auszug aus der Einrichtung in eine eigene Wohnung erlebte, kamen ebenfalls zur Sprache.

   

Die schwierige Suche nach barrierefreien Wohnungen für Menschen mit Behinderung erwähnte Tamara Jost, Einrichtungsleiterin des Frida Kahlo Hauses. Neben einem höheren Lohn sei auch bezahlbarer Wohnraum für Pflegekräfte ein wichtiger Faktor. Gerade in Großstädten wie Köln wären passende Wohnungen für Menschen mit niedrigerem Einkommen aber kaum verfügbar, ohne täglich kilometerweite Anfahrtswege auf sich nehmen zu müssen. 

 

Plastisch dargestellt und zusammengefasst wurde die ganze Not noch einmal von einer jungen Pflegerin, die gerade ihre Schicht abgeschlossen hatte: Durch drei Krankmeldungen hätte sie sich gerade mit den verbleibenden Kolleginnen um 40 Bewohner kümmern müssen, wodurch kaum Zeit für persönliche Gespräche geblieben wäre. Und dass sie von 1800 Euro leben müsse, während ihr Bruder als Mechatroniker rund das Doppelte verdiente. Sie sei daher froh, noch bei ihren Eltern wohnen zu können.

 

CBWK Pflegediskussion Teilnehmer webFür eine Überraschung sorgte schließlich das Thema Palliativpflege: Martina Axer, Palliativpflegefachkraft und Pflegedienstleiterin, wollte wissen, wie die Parteien die Pflege bei der Palliativ-Versorgung unterstützen wollten. Da immer mehr Menschen ein würdevolles Sterben in ihrer gewohnten Umgebung ermöglicht werden sollte – sei es zu Hause oder in der stationären Einrichtung, in der sie leben – haben entsprechende Patienten seit einigen Jahren Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). 

 

Nach einer Verordnung können dann auch Pflegekräfte von Palliativ-Medizinern rund um die Uhr unterstützt werden, um die Versorgung mit Medikamenten, Hilfsmitteln und seelsorgerischer Hilfe sicherzustellen. Die Strukturen dieser Palliativ-Versorgung müssten allerdings gefördert und ausgeweitet werden, betonte Axer. Pflegebedürftige, ihre Angehörigen, aber auch die Hausärzte, die SAPV verordnen können, müssten besser informiert werden. Hier waren allerdings auch die anwesenden Politikerinnen und Politiker noch dankbar für weitere Informationen. So ergab die Gesprächsrunde in jedem Fall schon mal einen Erkenntnisgewinn.

 

Insgesamt war es somit eine interessante, spannungsreiche und informative Debatte. Die Bewohnerschaft, die Mitarbeitenden und das Publikum im Clarenbachwerk waren froh, die eigene Sache einmal persönlich darstellen zu können. Es ist zu hoffen, dass die Parteien viele konkrete Eindrücke für ihre Arbeit mitnehmen konnten. Und dass – wer auch immer ab Sonntag die neue Bundesregierung stellt – sich in Sachen Pflege noch einiges bewegt.