Sehr geehrte Redaktion des Kölner Stadtanzeigers,


mit großer Betroffenheit, aber auch Empörung haben wir, als diakonische Träger von Senioren- und Pflegeeinrichtungen in Köln, Ihren Artikel zur "Folter-Inspektion in Heimen" aufgenommen. Wir, die wir in der stationären Altenhilfe tätig sind, sind es zwar gewohnt, Berichte über vermeintlich skandalöse Zustände an unseren Arbeitsstätten zu lesen. Die Verbindung des Begriffs Folter mit Pflegeheimen ist jedoch eine Steigerung, die wir nicht widerspruchslos hinnehmen können.
Sie ist in der Sache irreführend, für Einrichtungen und ihre Mitarbeitenden rufschädigend und für viele Leserinnen und Leser sicherlich besorgniserregend – suggeriert sie doch, dass Kontrollen nötig seien, um flächendeckend vorsätzliche Gewalt gegenüber pflegebedürftigen Menschen aufzuspüren und zu ahnden. Der Kampf gegen einseitig negative Darstellungen und Skandalisierung erschöpft die ohnehin belasteten Pflegekräfte, die die Bewohnerinnen und Bewohner unserer Einrichtungen würdevoll und ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend versorgen.
Natürlich sind Schlagworte wie "Folter in Heimen" plakativer als Berichte über das zähe Ringen um kleine Verbesserungen oder politische Forderungen für unsere tägliche Arbeit. Sie sind aber auch desaströs – nicht nur für Pflegekräfte, sondern auch für Menschen, die den Umzug in eine Pflegeeinrichtung erwägen, für unsere Bewohnerschaft und deren Angehörige. Sie ist aber vor allem für unsere Gesellschaft im Ganzen desaströs: Denn durch die höhere Lebenserwartung werden wir die stationäre Pflege und das Vertrauen in sie weiterhin brauchen.
Unsere Tätigkeit ist eine überaus anstrengende, vielseitige, verantwortungsvolle, aber auch im positiven Sinne herausfordernde Arbeit. Sie erfordert nicht nur profundes pflegerisches und medizinisches Wissen, sondern auch ein gutes Gespür für Menschen. Wen wundert es da, wenn bei der ständigen Abwertung des Berufsstandes immer weniger junge Menschen in der Altenpflege arbeiten möchten? Die Würde des Menschen ist unantastbar – das sollte auch für Pflegekräfte gelten.
Wenn nun die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter, die Orte der "Freiheitsentziehung" wie Gefängnisse, Abschiebe- oder Polizeistationen kontrolliert, ihre Definition auf Alten- und Pflegeheime ausweitet, entsteht neben dem Generalverdacht der Misshandlung auch der Eindruck, dass "freiheitsentziehende Maßnahmen" in Pflegeeinrichtungen die Regel wären. Dies entspricht jedoch nicht der Realität: Ihr Einsatz wird kritisch geprüft und reflektiert, in unseren Einrichtungen tendiert er gegen Null.
Neben dieser abwegigen Definition ist für uns unverständlich, warum weitere Prüfungen erforderlich sein sollten, denn Pflegeeinrichtungen werden bereits gründlich kontrolliert: die Heimaufsichtsbehörde und der Medizinische Dienst der Krankenkassen überprüfen engmaschig gesetzliche Anforderungen und Qualitätsstandards. Prüfberichte und Pflegenoten sind öffentlich und jederzeit einsehbar. So stellt der MDK in seinem aktuellen Rechenschaftsbericht fest, dass sich die Situation in den Einrichtungen stetig verbessert. Dabei ist es dem besonderen Engagement der Pflegekräfte zu verdanken, dass die Qualität der Arbeit trotz jahrzehntelang nicht angepasster Personalvorgaben weitgehend gesichert wurde. Und neben der eigenen Qualitätssicherung greift in stationären Einrichtungen auch eine soziale Kontrolle.
Die mediale Erregung erschöpft sich dennoch allzu oft in einer Stigmatisierung, statt sich ernsthaft mit den Belastungen, Fehlerquellen und Verbesserungsmöglichkeiten in der Pflege zu beschäftigen. Auch in vielen anderen sozialen Fragen – Kinderbetreuung, Integration, Schule – werden in der öffentlichen Debatte immer wieder die betroffenen Akteure an den Pranger gestellt und thematische Nebelkerzen geworfen, die von dringend benötigten politischen Lösungen ablenken. Die Frage nach vorsätzlicher Folter in Heimen stellt für uns eine solche Nebelkerze dar. Sie verhindert einmal mehr eine substanzielle Debatte über wesentliche Forderungen der Pflegebranche, wie eine selbstbestimmte, hochwertige Versorgung, die Unterstützung pflegender Angehöriger, gute Lohn- und Arbeitsbedingungen und die gesellschaftliche Anerkennung für professionelle Pflegekräfte – auch um dem Fachkräftemangel im Land zu begegnen.
Daher möchten wir den Kölner Stadtanzeiger gerne einladen, uns Pflegeinstitutionen, gerade im Vorfeld der Bundestagswahl, in unserer Arbeit und bei unseren politischen Forderungen zu begleiten. Und dabei, gesellschaftliche Fragen aufzuwerfen, die vielleicht weniger spektakulär, aber relevanter sind: Wie würde ich selbst gerne gepflegt werden, wenn es nötig würde, oder meine Angehörigen? Was muss eine Pflege wert sein, die im Bedarfsfall rund um die Uhr erfolgt, vielleicht einschließlich einer würdevollen Sterbebegleitung? Welche Weichenstellungen sind nötig, damit dies zu leisten und jedem Menschen zugänglich ist?
Nicht zuletzt heißen wir alle Interessierten willkommen, sich selbst ein Bild von unserer Arbeit und der Situation vor Ort zu machen. Denn die Türen von Pflegeeinrichtungen stehen – im Gegensatz zu Gefängnissen – jederzeit und jedem offen. Nach innen wie nach außen.


Im Namen der unten aufgeführten Einrichtungen

Doris Röhlich - Spitzer
Geschäftsführerin
Clarenbachwerk gGmbH

Clarenbachstift Köln
Clara – Elisen – Stift zu Köln
Evangelische Altenhilfe Brück Merheim e.V.