Sommerfest 2017 in Müngersdorf

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Am 26. August feierten auf dem weitläufigen Gartengelände in Müngersdorf wieder mehrere hundert Menschen jeden Alters, aus 32 Nationen, mit und ohne Behinderung – das alljährliche Sommerfest im Clarenbachwerk war wieder ein großer Spaß für Jung und Alt

 

Köln-Müngersdorf, Samstag, 26. August: „Es war ein sehr schönes Sommerfest. Nur war es letztes Jahr – trotz des gleichzeitigen Heimspiels des FCs – viel besser besucht!“ So oder so ähnlich fassten viele der bereits mit dem Aufräumen beschäftigten Mitarbeitende der Sozialen Betreuung das diesjährigen Sommerfest zusammen. Die meisten sahen müde aus, aber auch entspannt und zufrieden. Und konnten es trotzdem nicht lassen zu vergleichen: Was war dieses Jahr besser, was war weniger gelungen und sollte verbessert werden.

 

Solch schnelle und auch schon mal strenge Selbstkritik ist bei Veranstaltern eines Festes nicht unüblich, doch genau genommen ein bisschen müßig. Dass die Organisatoren eines derart großen Festes, die das weder zum ersten noch zum letzten Mal gemacht haben, vergleichen und bereits an das nächste Fest denken, ist eine nachvollziehbare „deformation professionelle“. Für die Besucher und Gäste eines Festes ist das aber irrelevant, bei einem Fest zählt nicht gestern und morgen, sondern das berühmte „Hier und Jetzt“. Es zählt nicht, ob Marita Köllners Auftritt besser war als 2016 („ja“), ob die Küchen sich erneut übertroffen haben („ja“), ob der Bücherstand auf dem Trödelmarkt gefehlt hat („ja, unbedingt“ – „nein, überhaupt nicht“), sondern es zählt der Nachmittag an und für sich. Es zählt nicht die erinnerte oder verglichene Zeit, sondern nur die Erlebniszeit.

 

Frau Zimmermann, die Mutter eines Bewohners im Frida Kahlo Haus, erwähnte, dass sie sich auch dieses Jahr die weite Anreise nicht habe nehmen lassen, für sie sei das Sommerfest immer ein ganz besonderer, entspannter Nachmittag. Komischerweise hatten wir drei, Frau Zimmermann, Markus Brausen und ich, die meisten Erinnerungen an das „komplett verregnete“ Sommerfest vor ca. 12 Jahren. „Irgendwie ungerecht!“ Für die Erinnerung zählt nicht das Erlebnis, das Hier und Jetzt, sondern die Erinnerung hält sich an das Spektakuläre, Abenteuerliche, Erzählbare. Und deshalb kann ein ins Wasser gefallenes Fest mehr Spuren im Gedächtnis hinterlassen als ein schönes und sonniges. In diesem Sinne wird das diesjährige Sommerfest glücklicherweise nicht in die Annalen eingehen, es war ein unspektakulärer und deshalb besonders angenehmer Tag, erlebnisreich statt ereignisreich. Doch der Reihe nach.

 

Wie üblich beginnt die Planung für das Sommerfest schon Monate vorher und spätestens am Montag vor dem Fest beginnen die Mitarbeitenden der Sozialen Betreuung und der Technik mit dem Schmücken des Geländes und dem Aufbau der Stände, Tische und Bänke. „Alle anderen“ bemühen derweil ihre Smartphones zur Wettervorhersage: „Meine App zeigt Regenschauer!“ „Meine nicht!“ Wir sollten wie fast immer auch in diesem Jahr Glück mit dem Wetter haben. Es regnete noch am Abend und in der Nacht vor dem 26. August, aber nicht am Tag des Sommerfestes. Am Samstag war es zwar hin und wieder wolkig, aber insgesamt schön und mit Temperaturen bis 25 Grad gut auszuhalten. Bereits um 10 Uhr waren die Vorbereitungen weitestgehend abgeschlossen, die ersten Bewohnerinnen und Bewohner strömten auf das Gelände zwischen den Häusern Frida Kahlo, Andreas, Heinrich Püschel, Stephanus und Paulus.

 

Sie trafen auf gutgelaunte und entspannte Mitarbeitende. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, dass die Anstrengung und Anspannung, die in der Vorbereitungsphase vorherrscht, am Tag des Festes einer Gelassenheit und Vorfreude auf das gemeinsame Feiern weicht. Und die war schnell ansteckend. Pünktlich um 11 Uhr beginnt das Fest, allerdings zunächst nur mit dem Flohmarkt. Aber auch an den Essensständen gibt es schon bald die ersten Schlangen. Und das ist nur zu verständlich: Es gibt insgesamt vier Essensstände, ich beginne mal mit den schmackhaften Hamburgern, sozusagen zum zweiten Frühstück, die vom Haus Stephanus /Paulus verantwortet werden. Trotz der gerade begonnenen, umfangreichen Sanierung und dem Umbau des Hauses hat es sich die Küche, unterstützt von ehrenamtlichen Kräften und Pflegedienstleiter Dariosh Karbasi, nicht nehmen lassen, ihre begehrten Hamburger anzubieten.

 

Gegenüber, an der Eingangsseite zum Heinrich Püschel Haus, hat die Großküche ihren Stand, ungefähr zwanzig Meter breit, aufgebaut. Traditionell schultert die Großküche mit ihrem großen Angebot an Grillwaren, Pommes Frites und Reibekuchen, später auch mit Kaffee und vielen Sorten Kuchen, den Hauptteil der Versorgung der Sommerfestgäste. Dass die Herren am Grill bis zirka 15 Uhr nicht nur von unten, von der Grillkohle, sondern auch von der Sonne aufgeheizt werden, macht diesen Arbeitsplatz zu einer besonderer Herausforderung. Ich jedenfalls bewundere jedes Jahr, dass die vielen Mitarbeitenden aus der Großküche und ihre ehrenamtlichen Helfer mit stoischer Ruhe und nicht nachlassender Freundlichkeit für das leibliche Wohl der Gäste sorgen.

Dass es sich beim Müngersdorfer Sommerfest um eine Art Familienfest handelt, sieht man auch daran, dass viele Mitarbeitende ihre Angehörigen, Eltern, Kinder, Ehepartner mit zum Fest bringen. Einige, um mit ihnen gemeinsam zu feiern, andere aber auch, um sie an der Arbeit zu beteiligen. Auf der Hinterseite des Haus Andreas‘ bietet die Küche des Hauses türkische und persische Spezialitäten an. Dieses Jahr gab es unter anderem gefüllte Auberginen, Salate, hervorragende Kebabs und vieles mehr. Ein weiteres, exotisches Highlight der Kulinarik steuerte die Küche des Frida Kahlo Hauses bei. Etwas abseits im Innenhof zwischen den Häusern Andreas und Frida Kahlo gelegen, gab es hier tailändische Gerichte at his best. Wer Frühlingsrollen nur aus der Tiefkühltruhe kennt, kennt keine Frühlingsrollen. Ähnliches ließ sich von den weiteren Gerichten mit und ohne Fleisch sagen.

 

Mehr noch als das Bühnenprogramm und dem Trödelmarkt sind für mich die Essensangebote die Highlights des Sommerfestes. Nett mit Freunden und Familie zusammensitzen bei Kaffee und Kuchen, Essen und Trinken aus aller Herren Länder – was will man an einem Samstag im August mehr? O.k., etwas Musik im Hintergrund oder auf der Bühne lässt man sich ebenfalls gerne gefallen. Die startete bereits gegen 12 Uhr am Haus Andreas mit dem Alleinunterhalter Stefan Pischel und mit dem DJ Martin im besagten Innenhof. Gerade der Innenhof hat sich in diesem Jahr sehr gemausert. Manchmal wirkte er wegen seiner abseitigen Lage etwas verwaist, in diesem Jahr konnten der DJ Martin im gelungenen Zusammenspiel mit dem Straßenkünstler Kaspar, der ein buntes Programm aus Feuerschlucken, Zaubertricks, Jonglagen und mehr zum Besten gab, für gute Stimmung sorgen.

 

Die vielen jungen Leute, die sich dort versammelten, kamen auf ihre Kosten und amüsierten sich. Die beiden nahen Essensstände sowie ein eigener Getränkestand taten ein Übriges. In diesem Fall hat das Fehlen des Bücherstandes, der immer vor dem Innenhof platziert war, geholfen: Einige Gäste meinten, sie wären sonst immer nur bis zu diesem gekommen und hätten gar nicht gewusst, dass dahinter das Festgelände noch weiter geht. Eine neue Attraktion war die Fotobox, vor der man allein oder mit anderen eine Art Selfie machen konnte. Dass man diese dann ganz altmodisch gedruckt auf Fotopapier mit nach Hause nehmen konnte, machte die Sache erst rund.

 

Die Hauptbühne startete um Punkt 13 Uhr mit der Begrüßung durch die Geschäftsführer des Clarenbachwerks, Doris Röhlich-Spitzer und Hans-Peter Nebelin. Und direkt der erste Programmpunkt, die Samba Show Brasilia, hatte elektrisierende Wirkung. Wer noch über zu wenig Sonne oder Stimmung geklagt hatte, konnte mittanzen, die Bewegungsfreude und das Aussehen der Tänzerinnen und Tänzer waren ansteckend. Danach kam es allerdings zu einem vorübergehenden Stimmungsabfall, da eine Sängerin leider nicht am Start sein konnte. Stattdessen improvisierten – und schwitzten, wie sie nachher zugaben – unsere Moderatoren auf der Hauptbühne, Verena Rolf von der Sozialen Betreuung und Gabriele Sauer, eine Ehrenamtlerin in Braunsfeld, um die Lücke zu überbrücken. Dabei behilflich waren der Straßenkünstler Kaspar, der sein ungewöhnliches, motorisiertes Gefährt, ein elektrisches Balance-Board, vorführte, und die sehr umtriebige Clownin Pippaluna, die (absichtlich?) krumm und schief „Da laachste dich kapott“ sang: „Eigentlich singe ich echt gut, das liegt jetzt an der Bühne, dass der Gesang so grausam klingt.“ Nach ein paar echt kölschen Witzen, unter anderem über einen zusammengebrochenen Beichtstuhl, vorgetragen vom Ehemann von Frau Peters, die lange Jahre als katholische Seelsorgerin in Müngersdorf tätig war und dem Clarenbachwerk weiterhin verbunden ist, und nach einem iranischen Tanz, den Marzieh Harirbafan, Wohngruppenleitung im Heinrich Püschel Haus, mit Kolleginnen und Freunden aufgeführt hat, war die Lücke auf kurzweilige Art und Weise gestopft. Für die Moderatorinnen war es eine besondere Herausforderung, da sie zwischenzeitlich nicht nur das Programm moderierten, sondern selbst waren.

 

Dem nächsten Auftritt gelang es spielend, tanzend und singend, die Stimmung wieder einzufangen. Das Männer-Ballett „Clari“, das schon im vergangenen Jahr für Furore und tobenden Applaus gesorgt hatte, trat mit neuen, nicht minder schrillen Kostümen auf. Das Clari-Ballet besteht aus Mitgliedern der evangelischen Kirchengemeinde Braunsfeld und die Männer tanzen in Frauenkostümen. Nicht nur die Kostüme sind sehr gelungen, sondern auch die Tänze sind akribisch einstudiert – die Komik kommt von ganz allein. Wirklich ein toller Act, wie man solche Auftritte auch schon mal nennt.

 

Dagegen war der Auftritt der Kindertanzgruppe der „Großen Junkersdorfer“ ernsthafter. Sie waren allerdings, da noch Schulferien, deutlich dezimiert. Vorher wirbelte noch der Spielmannszug „Bürgergarde blau-gold“ über die Bühne und das Gelände. Beeindruckend ist ihr Auftritt jedes Jahr, auch wenn sie ebenfalls mit reduzierter Mannschaft angetreten waren. Aber allein die Umrundung des Geländes mit dem ganzen Zug, dazu karnevalistische Marschmusik, ist eine Show für sich.

 

Marita Köllner, „et fussich Julche“, stand da bereits in den Startlöchern und freute sich auf ihren Auftritt. Der wurde zu einem fröhlichen und stimmungsvollen Wiedersehen, in das sich auf vielen Seiten auch Tränen der Rührung mischte. Auch wer die ewige, kölnische Karnevalsmusik nicht mag, muss zugeben, dass Marita Köllner eine ganz besondere Art hat, auf ihr Publikum zuzugehen. Sie verschmäht die Bühne und mischt sich lieber direkt unters Publikum, sie kommuniziert, tanzt und schunkelt gemeinsam mit den Zuhörerinnen und Zuhörer und schafft so ein Gemeinschaftserlebnis. Die Aufmerksamkeit, die sie ihrem Publikum schenkt, ist echt und entsprechend dankbar reagieren die Menschen auf Marita Köllner. Vor allem merkt man ihr an, wieviel Hochachtung Marita Köllner für die Menschen hat, die mit einem Handicap leben müssen. Und diese Hochachtung vor der besonderen Situation von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ist meiner Ansicht nach durchaus auch das unausgesprochene Motto der Clarenbacher, welches sich beim gemeinsamen Feiern aufs schönste verkörpert!

 

Den letzten Auftritt absolvierte dann wieder die Samba Show Brasilia, zunächst vor dem Haus Andreas und dann auf der Hauptbühne. Allerdings kamen die Tänzerinnen nur mit gehöriger Verspätung zum Tanzen, da sie sich vorher – wie auch Marita Köllner - vielfach für Fotos mit ihrem Publikum zur Verfügung stellten. Während die letzten Fässchen Kölsch geleert wurden, begannen die Mitarbeitenden der Sozialen Betreuung – vielen Dank für die gleichermaßen familiäre wie professionelle Festdurchführung – mit dem Abbau der Stände.

 

Georg Salzberger