Gebetsraum

„Die Eröffnung eines muslimischen Gebetsraums ist für uns weder ein religiöses noch ein politisches Statement, sondern schlicht ein menschliches!“ Mit diesen Worten eröffnete Geschäftsführerin Doris Röhlich-Spitzer den neuen Gebetsraum im Haus Andreas am 24. März 2015.
Wie das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen gelingen kann, wird in Gesellschaft, Medien und Politik gerade wieder viel diskutiert. Im Haus Andreas in Müngersdorf ist das seit Jahren Alltag: In der Pflegeeinrichtung des Clarenbachwerks leben und arbeiten Menschen aus 21 Nationen, sodass sich ein kultursensibler Schwerpunkt herausgebildet hat. „Die erste Frage ist ja immer: Wie können wir einem Bewohner das Einleben erleichtern?“, erläutert Doris Röhlich-Spitzer. „Dabei ist wichtig zu wissen: Wer ist dieser Mensch, wie ist seine Geschichte, woran lässt sich anknüpfen? Denn wenn man bei einem Baum alle Wurzeln kappt, kann er keine neuen mehr schlagen.“
Dies gilt natürlich besonders bei Menschen, die in zwei oder mehr Ländern gelebt haben, eine andere Muttersprache sprechen, in deren Kultur es nicht üblich ist, Angehörige in einem Pflegeheim unterzubringen – und mag es noch so sinnvoll für alle Beteiligten sein. „Da ist Sprache und ein Verständnis für Traditionen und Rituale elementar“, bestätigt Mohamed Pourmirzaie, Einrichtungsleiter des Hauses, der selbst aus dem Iran stammt. Er und seine Mitarbeitenden bieten ein vielfältiges Angebot an Sprachen, Speisen, Festen, Pflegeritualen und Freizeitbeschäftigungen, das den Bewohnern hilft, sich heimisch zu fühlen.
Für viele Menschen gehört dazu auch die Religion. Daher eröffnet das Haus Andreas nun neben seiner Kapelle auch einen kleinen muslimischen Gebetsraum. „In der Kapelle des Hauses finden regelmäßig christliche Gottesdienste statt. Auch jüdischen oder russisch-orthodoxen Traditionen versuchen wir zu entsprechen“, so Pourmirzaie. „Da war es nur logisch, auch den gläubigen Muslimen bei uns einen Raum zu widmen.“ Viele von ihnen hätten nämlich in der Mittagspause Umkleiden oder eine Teeküche genutzt, um kurz den Gebetsteppich auszurollen.
Der neue Gebetsraum ist zwar kleinformatig, aber dennoch traditionell ausgestattet: die Gebetsnische (Mihrab) ist nach Mekka ausgerichtet, Wandornamente wurden in Teheran gedruckt, ein Poster von Medina brachte ein Mitarbeiter extra aus seinem Urlaub in Dubai mit. Den Koran gibt es in deutscher und arabischer, aber auch englischer, französischer, russischer und spanischer Ausgabe. Ein CD-Player ermöglicht BewohnerInnen, die nicht mehr so gut lesen können, den Koran zu hören. Der Gebetsraum richtet sich natürlich vorrangig an die gläubigen muslimischen Bewohner, Angehörigen und Mitarbeitenden, aber auch an alle Interessierten.
Der Gebetsraum wurde am Dienstag, 24. März 2015 um 11 Uhr offiziell eröffnet, mit einer Feier, einem Buffet und einer kleinen Ausstellung. Hier konnten sich alle Interessierten anhand von Text- und Bildtafeln über den Gebetsraum, seine Traditionen, Bestandteile und die Nutzung informieren.
„Es geht uns nicht nur um die für uns bedeutsame Thematik Multikulturen – sondern vor allem darum, alle BewohnerInnen und Mitarbeitenden mit ihren unterschiedlichen Biografien und Bedürfnissen ernstzunehmen“, erklärte Frau Röhlich-Spitzer. „Dazu wollen wir ihnen – im Rahmen unserer Möglichkeiten – Angebote machen. Die Grenzen liegen in allen Bereichen des Zusammenlebens natürlich dort, wo andere beeinträchtigt werden. Daher muss auch im Haus Andreas immer wieder einmal vermittelt und nachjustiert werden.“
Deshalb gelten hier ganz weltliche Regeln verbindlich für alle: „Amtssprache“ ist deutsch, andere Muttersprachen werden nur dort gesprochen, wo es eine Pflegesituation erleichtert. Regelmäßig gibt es Supervision für die Mitarbeitenden – zum kulturellen Verständnis, aber auch zur Krisenbewältigung, etwa bei Team-Problemen oder Konflikten, die manchmal schon aus den Herkunftsländern herrühren.
Der neue Gebetsraum wird von den Mitarbeitenden laut Einrichtungsleiter M. Pourmirzaie jedenfalls begeistert aufgenommen. Auch wenn der eine oder andere schon von einem gemeinsamen Raum für alle Religionen träumt – das ist im Clarenbachwerk wie in der Welt wohl noch Zukunftsmusik.