Schon seit geraumer Zeit ist ein heftiger Streit um einen eigentlich ganz unspektakulären und an sich harmlosen Ort entstanden, um das Pflegeheim. Das Pflegeheim war vermutlich immer schon ein wenig begehrter Ort, den man erst dann aufgesucht hat, wenn es die Umstände erforderten. Aber dass das Pflegeheim inzwischen zum Zankapfel schlechthin geworden ist, ist unter anderem einer Initiative zu verdanken, an der der berühmte Psychiater Professor Dr. Klaus Dörner wesentlich beteiligt war. Ziel dieser Initiative ist die Abschaffung aller Heime. Statt dessen hätten insbesondere alte Men-schen ein Recht auf ein Leben in ihren Familien. Abgesehen von der Frage, wem gegenüber die alten Menschen dieses vermeintliche Recht einklagen können, warum nur fordern vor allem linke Gesellschaftswissenschaftler die Abschaffung der Heime? Und warum schließen sich dieser Forderung inzwischen sogar Politiker an? So diskutiert die nordrheinwestfälische Landesregierung, ob für den Neubau von Altenpflegeheimen überhaupt noch Geld zur Verfügung gestellt wird oder ob nicht auf eine Reduzierung von Pflegeheimplätzen hingearbeitet werden sollte.
Zweifellos (und wie gesagt) ist das Pflegeheim bei vielen Menschen sehr unbeliebt und dient als Horrorvorstellung für alles Schlechte, was einem im Alter oder aufgrund von krankheitsbedingter Pflegebedürftigkeit zustoßen kann. Insofern ist es überaus verständlich, dass die Politik überlegt, ob es nicht auch Alternativen zu einem derart „unbeliebten Produkt“ gibt. Nicht verstehen kann ich allerdings, was für ein ideologischer Streit um diesen Ort entstanden ist, denn genau genommen sind zum Beispiel die Alternativen keineswegs besser oder nur anders: Die propagierten Demenzwohngruppen bzw. Wohngemeinschaften sind auch nur kleine Heime. Bzw. umgekehrt sind Altenheime auch Wohngemeinschaften und ermöglichen es den dort lebenden Menschen, trotz massiv eingeschränkter Mobilität dennoch nicht allein leben zu müssen – was nicht selten das Schicksal der alten Menschen in ihren angestammten Wohnungen ist. Und viele Menschen, die zunächst widerwillig in ein Heim einziehen, betonen, dass sie das Heim vor der gefürchteten Einsamkeit im Alter bewahrt hat.
Was soll so schlimm an Heimen sein? Dazu gehe ich noch mal auf die Argumente von Klaus Dörner ein. Dörner lehnt sich an einen Autor an, der bei der linken Avantgarde der sogenannten „68er-Bewegung“ in hohem Ansehen stand, an Erving Goffman. Der prägte in seinem Buch Asyle den Begriff der „totalen Institution“. Seiner Ansicht nach sind solche totalen Institutionen geschlossene Welten wie Gefängnisse, Kasernen, Internate, Klöster, Irrenhäuser und eben auch Altenheime. Goffman untersuchte das Leben in diesen Institutionen, seine zentrale These ist, dass der wichtigste Faktor, der einen „Insassen“ prägt, nicht seine Krankheit ist, schon gar nicht seine Individualität, sondern die Institution, der er ausgeliefert ist. Das Leben findet ausschließlich im Heim statt, so dass alle Pflegebedürftigen in einer geschlossenen Welt leben, an deren Regeln sie nicht beteiligt sind.
Klingt krude? Ja, vieles vom revolutionären Pathos der linken „1968er-Bewegung“ ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Irgendwie, das hoffte man damals, ist immer alles die Gesellschaft, die Umwelt Schuld. Selbst dass es Krankheiten und den Tod gibt, ist letztlich ein gesellschaftliches Problem. Diese Standard-Erklärung, demnach alles Schlechte und Schlimme Folgen einer repressiven Gesellschaft sind, hat sich längst als Utopie herausgestellt. Selbst in einer idealen Gesellschaft wäre der Mensch weiterhin mit „allerlei Unangenehmem“ konfrontiert. Vor allem aber sind einige Implikationen des Begriffs „totale Institution“ totaler Unsinn: Institutionen sollen allumfassend sein, das Leben aller Mitglieder findet an nur einer einzigen Stelle statt und sie sind einer zentralen Autorität unterworfen. Alle Tätigkeiten und Lebensäußerungen werden dem Heimbewohner von einem Stab von Funktionären vorgeschrieben. Das wäre dann wirklich ein totalitäres Modell, entspricht aber bei weitem nicht den Tatsachen.
Vermutlich ist die immer noch verbreitete Kennzeichnung des Altenheims als „totale Institution“ nur der fortgesetzte Ausdruck des extremen Misstrauens, mit dem Altenheime gerade in der Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten bedacht werden. Gerade las ich, dass die „Länderkommission der Nationalen Stelle zur Verhütung von Folter“ plant, zukünftig stichprobenartige Kontrollen in Alten- und Pflegeeinrichtungen durchzuführen. Als „Orte der freiheitsentziehenden Maßnahmen“ lassen sich Altenheime laut Länder-kommission auch als „Orte der Folter“ definieren. Wenn ich so was lese, denke ich, es wäre wohl folgerichtig und einfacher, dass alle in Heimen tätige Menschen prophylaktisch festgenommen würden, weil wir ja offenbar für gute Bezahlung Menschen foltern. Alle empirischen Studien haben die Kennzeichnung „totale Institution“ übrigens nicht bestätigen können. Doch das Gerücht, es handele sich bei Pflegeheimen um dunkle, gefährliche, schlimme, triste und furchtbare Orte, ist wohl unausrottbar.
Wie lässt sich das Leben im Heim weniger ideologielastig beschreiben? Zweifellos ist das Pflegeheim schon ein sehr spezieller Ort und ein Einzug bedeutet für Menschen eine Reihe von Veränderungen. Und sicher ist es richtig, darauf hinzuweisen, dass das soziale Umfeld „Pflegeheim“ das Leben seiner Bewohnerinnen und Bewohner auf umfassende Weise strukturiert, die Körperpflege genauso wie die Nahrungsaufnahme, Freizeit, Kontakte und so weiter. Aufgrund der meist krankheits- oder altersbedingten Mobilitätseinschränkungen wird das Milieu Heim zum Hauptaufenthaltsort für die Betroffenen.
Außerdem bedeutet ein Pflegeheim für die Bewohnerinnen und Bewohner nicht selten das Ende der meisten ihrer sozialen Rollen. Stattdessen werden sie auf die Patientenrolle reduziert und erleiden einen Statusverlust. Die Abhängigkeit von Anderen infantilisiert, die Unterwerfung unter die Routinen einer Institution löst Privatheit auf, auch der Respekt kann aufgrund von Krankheit und Vermögenseinbußen bis hin zur Abhängigkeit von der Sozialhilfe schwinden, sodass oft nur kindliche Strategien bleiben, um sich mit Anpassung die Zuwendung der Pflegekräfte zu sichern.
Der Statusverlust – in einem Altenpflegeheim zu leben, ist das Gegenteil von schick – ist dabei wohl eine der unangenehmsten Folgen eines Einzugs in ein Heim. Und es erklärt auch, warum nur mehr Familienangehörige die Bewohnerinnen und Bewohner besuchen. Viele gleichaltrige Freunde und Bekannte machen lieber einen weiten Bogen um ein Heim - als könnte ein Besuch dort ansteckende Folgen haben. Was aber noch längst nicht stimmt, ist die schleichende Entmachtung der alten Menschen, von der immer wieder gesprochen wird. Zwar gibt es institutionelle Abläufe und gar Zwänge wie Essenszeiten und Ablaufregelungen, aber selbstverständlich haben Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen keinerlei Vorgesetzte. Das haben nur die dort arbeitenden Menschen. Insofern stimmt es zwar, dass der Schutz der Privatsphäre eingeschränkt ist (dafür sorgen schon die vielen Informationen, die eine Pflegeeinrichtung über seine Bewohner sammeln muss), aber es stimmt keineswegs, dass mit einem Heimaufenthalt immer auch eine verfassungswidrige Vorenthaltung von Persönlichkeitsrechten einhergeht. Die allermeisten Pflegekräfte respektieren die Autonomie ihrer Klienten sehr wohl, oftmals sogar auf Kosten der eigenen Pflegeziele. Auch fühlen sich die meisten Pflegekräfte ihren Bewohnerinnen und Bewohnern besonders verpflichtet und erst sekundär ihrem Arbeitgeber. Das kann heißen, die Bedürfnisse des Bewohners vor die des Heimes zu stellen.
Sowohl Goffmann als auch Dörner bemängeln, dass Pflegeheime „jegliche Individualität zerstören“ würden. Auch das ist mir in meiner langen Berufszeit in Alten- und Pflegeheimen noch nicht begegnet. Wie gesagt, die Privatsphäre ist nicht so geschützt, wie man das aus einer eigenen Wohnung kennt, man muss sogar Menschen in seine Privatsphäre hineinlassen, die man womöglich lieber nicht da hätte, die aber dort etwas zu erledigen haben (Pflege, Haushaltstätigkeiten etc.). Zweifellos gehört die Beschränkung auf eine deutlich kleinere Grundfläche und das Teilen von Räumlichkeiten mit Mitbewohnern zu den Kennzeichen einer Pflegeeinrichtung. Entsprechend müssen sich insbesondere ältere Pflegebedürftige von vielem trennen, müssen liebgewordene Möbelstücke zurücklassen. Aber hat Individualität etwas mit der bewohnten Grundfläche zu tun? Hat ein Mensch, der ein Einfamilienhaus bewohnt, mehr Persönlichkeit als ein Mensch, der „nur“ in einer Etagenwohnung lebt? Machen die Dinge, die ich besitze, meine Persönlichkeit aus?
Wo es ums sich trennen geht, da stößt man zum Kern des Pflegeheims vor: Es sind Orte des Abschieds, des Abschieds von Dingen, die man lange Jahre um sich hatte und die einem zumindest als Stütze der jeweiligen Persönlichkeit und Individualität erschienen sind. Orte aber auch des Abschieds von Mitmenschen und schließlich ist das Pflegeheim fast immer der letzte Wohnort, und das wissen die dort Lebenden nur zu gut, so dass es auch der je eigene Abschiedsort sein wird. Und all diese Abschiede, das muss wohl kaum betont werden, sind schmerzhaft, oft sehr schmerzhaft.
Die zweite wirklich unangenehme Bedingung des Lebens in einem Pflegeheim ist die Abhängigkeit, in der man sich als Bewohnerin, als Bewohner gegenüber vielen anderen Menschen befindet. Das Angewiesensein auf Hilfe ist nicht selten ein Angriff auf unser Selbstverständnis und auf unser Selbstbewusstsein, welches Menschsein und Autonomie gleichsetzt. Und diese Abhängigkeit von Hilfe macht Menschen besonders schutzbedürftig. Allerdings ist für die Abhängigkeit nicht das Heim verantwortlich, sondern die Tristesse des hohen Alters bzw. die Pflegebedürftigkeit infolge von Krankheit und Behinderung.
Und es darf betont werden, dass die allermeisten Heime mit dieser besonderen Fragilität und Schutzbedürftigkeit ihrer Klienten - die man genau wegen ihrer Hilfsbedürftigkeit nicht zu Kunden machen kann - sehr verantwortungsbewusst umgehen. Natürlich bedeutet Pflegebedürftigkeit, dass man für Übergriffe besonders anfällig ist. Heime zeichnen sich dadurch aus, dass sie pflegebedürftigen Menschen einen weitaus besseren Schutz vor Übergriffen bieten als die häusliche Umgebung und die Versorgung durch die eigene Familie. Meistens ist außerdem die Pflege fachgerechter und wird deshalb auch progredienten Krankheitsverläufen gerecht. Nur beispielhaft sei darauf verwiesen, dass gute Pflege zwar nicht unbedingt rehabilitierend ist (das ist sie ihrem Wesen nach nicht), aber die Wahrscheinlichkeit von krankheitsbedingten Komplikationen vermindern kann – wie im Frida Kahlo Haus vielfach zu sehen.
Was besagte Abhängigkeit betrifft, so lässt sich dieses Kennzeichen einer Heimumgebung leider nicht abschütteln. Institutionen zementieren diese Abhängigkeit sogar noch. Pflegeeinrichtungen sind verwöhnend und fördern damit Unselbstständigkeit. Statt Selbstständigkeit zu bewahren, „verweichlicht“ die Rundumbetreuung. Wer zu lange „zu beschützt“ gelebt hat, der kann nicht mehr zurück ins „raue Leben“. Aber auch dafür kann die Einrichtung an sich nichts, das hat mit der menschlichen Eigenart zu tun. Es scheint, dass der Mensch einen gewissen Existenzdruck, eine Portion lebens-relevanter Prüfungen benötigt, um nicht aus dem ‚Ruder zu laufen’.
Womit ich schlussendlich bei einem typischen Eindruck der Angehörigen von Heimbewohnern wäre: Ob der umfassenden Versorgung, ob der Überstrukturierung des Alltags in Altenheimen haben sie oft den Eindruck eines wattierten, gepufferten Lebens. Als wäre das Leben im Heim nicht ganz wirklich, wäre sozusagen ein Außerhalb des normalen Lebens. Doch auch hier muss man erwidern: Auch in Pflegeheimen wird gelebt (was sonst?), es handelt sich nicht, wie gerne angenommen wird, um eine Verminderung des Lebens, gar um einen vorzeitigen Tod im Leben (von dem in altenheimkriti-schen Essays gerne gesprochen wird). Und entsprechend bedeutet der Eindruck des Unwirklichen und Lebensentrückten eben keine Unverwundbarkeit, sondern Heimbewohnerinnen und Bewohner sind natürlich dem normalen Lebensrisiko ausgesetzt, können stürzen, weglaufen, sich sogar ge-genseitig Schaden zufügen etc. Wenn das Heim kein Jenseits des normalen Lebenskampfes ist, dann ist es eben auch kein komplett beschützter Ort.
Stattdessen ist das Pflegeheim ein Ort für Menschen, die aufgrund von Krankheit und Pflegebedürftigkeit ihr Zuhause eingebüßt haben. Die kein passendes mehr haben, weil ihre Hilfs- und Pflegebedürftigkeit eine kritische Marke überschritten hat. Und dann kann, insbesondere wenn man nicht alleine leben will, das Heim sehr wohl eine passende Wohnform sein. Quasi eine moderierte Wohngemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft, die gerade bei der Fragilität eines Lebens mit Hilfsbedarf sehr hilfreich sein kann - über den praktischen Nutzen der Bereitstellung von Hilfe hinaus. Statt romantisierter Häuslichkeit (wer hält es noch für ein Zeichen von Liebe, von Angehörigen gepflegt zu werden?) eine Art der Subkultur. Eben kein Ort der Segregation, sondern ein Ort, indem zum Beispiel Menschen mit Demenz unbehelligt und in Ruhe verrückt werden dürfen (so ein Buchtitel von Erich Schützendorf). Oder in dem das Diktat des Perfekten, Souveränen und Autarken nicht herrscht, ein Ort, wo Schwäche und Hilfsbedürftigkeit erlaubt sind und keine Abwertung nach sich ziehen. Ein Ort, wo die Nachtseite des Menschen, sein Verrücktsein, seine Schmerzen, seine Kreatürlichkeit nicht versteckt werden muss. Wo man die Kunst des Verlierens lernen muss – und kann. Und wo trotzdem gelebt, gelacht, geweint, gestritten etc. wird.